← Zurück zum Blog

Westland: Pionier des amerikanischen Single Malt

Im Industriegebiet SoDo (South of Downtown) von Seattle, unweit des Safeco-Baseballstadions, steht eine Destillerie, die das amerikanische Verständnis von Single Malt Whisky grundlegend verändert hat. Westland Distillery wurde 2010 von Matt Hofmann und Emerson Lamb gegründet, zwei jungen Männern mit einem konkreten Ziel: einen genuin amerikanischen Single Malt zu schaffen, der nicht versucht, Schottland zu imitieren, sondern aus dem Pazifischen Nordwesten heraus spricht.

Was 2010 als ambitioniertes Experiment begann, ist heute die angesehenste amerikanische Single-Malt-Destillerie des Landes – und für viele das überzeugendste Argument dafür, dass American Single Malt eine eigenständige, international wettbewerbsfähige Whisky-Kategorie ist.

Die Rohstoffe: Pazifik-Nordwest-Malz

Die Entscheidung, ausschließlich mit Gerstenmalz zu arbeiten, war für Westland von Anfang an der Ausgangspunkt. Im Pazifischen Nordwesten – dem Gebiet, das die US-Bundesstaaten Washington, Oregon und Idaho umfasst – wächst einige der besten Braugerste der Welt. Die Region hat ein gemäßigtes Meeresklima mit langen Sommertagen und kontrollierten Niederschlägen, ideal für Gerstenanbau.

Westland arbeitet mit lokalen Malzern zusammen, die spezifische Gerstensorten malzen, die für die Brennerei ausgewählt werden. Besonders bekannt ist das Terroir-Programm des Unternehmens: Westland verarbeitet Gerste von einzelnen Farmen – Wheatland Farm in Walla Walla, Harrison Hill Farm in Yakima Valley – und produziert daraus sortenreine Single-Farm-Single-Malt-Abfüllungen, die die Einflüsse von Boden, Mikroklima und Gerstensorte transparent machen.

Die Hefen: eigene Stämme für amerikanischen Charakter

Eines der weniger sichtbaren, aber entscheidenden Elemente des Westland-Stils ist die Hefauswahl. Während die meisten Whisky-Destillerien Standardhefestämme aus der Brau- oder Schnapsindustrie verwenden, hat Westland mit Hefelabors zusammengearbeitet, um Stämme zu isolieren, die spezifische fruchtesterbetonte Profile erzeugen, die zum Rohstoff-Profil des Pazifik-Nordwestens passen.

Die Fermentation bei Westland dauert länger als bei den meisten Industriebetrieben – bis zu 120 Stunden in bestimmten Produktionslinien –, was eine tiefere Esterentwicklung und eine komplexere Maischenbase erzeugt. Die Länge der Fermentation ist eine Variable, die viele Destillerien aus Effizienzgründen minimieren; Westland betrachtet sie als Qualitätsmerkmal.

Die Destillation: schottisches Handwerk in Seattle

Westland nutzt drei Kupfer-Pot-Stills schottischer Bauart – Wash Still und Spirit Still in klassischer Doppeldestillations-Konfiguration. Dies ist eine bewusste Entscheidung gegen die in Amerika üblichen Kolonnenbrennblasen, die effizientere Produktion, aber weniger Rohstoffcharakter im Destillat ermöglichen.

Der New Make Spirit, der die Brennblasen verlässt, liegt bei etwa 63 bis 65 Prozent Alkohol – ein Bereich, der mehr Aromen trägt als höher konzentriertes Destillat, aber noch nicht die Schwere sehr alkoholarmer Destillate hat. Das New Make wird sofort nach der Destillation in Holzfässer gefüllt.

Die Fässer: über Bourbon-Holz hinaus

Amerikanische Whisky-Destillerien sind gesetzlich verpflichtet, neue ausgebrannte Eichenholzfässer für Bourbon zu verwenden. Westland produziert keinen Bourbon, sondern American Single Malt, und ist daher frei in der Fasswahl – ein entscheidender Vorteil.

Das Basis-Portfolio umfasst American Oak (neue ausgebrannte Fässer nach Bourbon-Art), American Oak Sherry Cask (ehemalige Oloroso-Fässer), und im Garryana-Programm ein völlig einzigartiges Element: Fässer aus Oregon White Oak (Quercus garryana), auch Garry Oak genannt, einem einheimischen Eichenbaum des Pazifik-Nordwestens.

Der Garryana-Whisky ist Westlands ikonischstes Produkt. Garryana-Eiche wächst langsam und hat eine andere Holzstruktur als europäische oder amerikanische Eiche; sie verleiht dem Whisky intensive Gewürznoten – Nelke, Piment, Ingwer – kombiniert mit dem vollen Malzcharakter der Gerste. Das jährliche Garryana-Release ist weltweit unter Whisky-Enthusiasten begehrt.

Die Mezcal-Kollaboration und Holzrauch-Experimente

Westland hat in den letzten Jahren mit getorftem Malz experimentiert, das schottisch inspirierte Rauchcharaktere in den amerikanischen Kontext bringt. Ihr Peated-Release ist kein Islay-Imitat, sondern nutzt schottischen Torf auf amerikanischer Gerstenbasis, um einen hybriden Rauch-Profil zu erzeugen, das sowohl Westlands fruchtigen Grundcharakter als auch die Rauchtiefe respektiert.

Daneben gibt es Kollaborationen mit Produzenten aus anderen Spirituosenkategorien – unter anderem mit mexikanischen Mezcal-Produzenten, die Westland Fässer zur Verfügung stellen, die zuvor mit Agaven-Destillat belegt waren. Diese Finish-Experimente zeigen die Bereitschaft des Unternehmens, den Rand des American-Single-Malt-Konzepts auszuloten.

Das Besucherzentrum und die American Single Malt Commission

In Seattle kann man Westland im Destilleriegebäude besuchen: Das Besucherzentrum im SoDo-Quartier bietet Führungen durch den Produktionsprozess und Tasting-Sessions, bei denen die Kern-Releases und limitierte Abfüllungen nebeneinander verkostet werden können. Die Sessions sind informativ und ohne die Distanz mancher größerer Markendestillerien gestaltet.

Westland ist Gründungsmitglied der American Single Malt Commission (ASMC), eines Branchenverbands, der 2016 gegründet wurde, um American Single Malt als offizielle Whisky-Kategorie in der US-amerikanischen Spirituosen-Gesetzgebung zu definieren. Die TTB (Alcohol and Tobacco Tax and Trade Bureau) hat 2023 American Single Malt offiziell als gesetzliche Kategorie anerkannt – ein Meilenstein, zu dem Westland erheblich beigetragen hat. Wer alle amerikanischen Single Malt-Produzenten im Überblick sehen möchte, findet sie auf der Karte der Weltdestillerien.

Westwests Position in der globalen Whiskywelt

Westland ist heute in über 30 Ländern erhältlich und hat internationale Anerkennung durch Auszeichnungen bei Spirits awards sowie durch Aufnahme in die Top-Empfehlungslisten bedeutender Whiskypublikationen erhalten. Das Unternehmen wurde 2016 von Rémy Cointreau – dem französischen Spirituosenkonzern, zu dem auch Bruichladdich auf Islay gehört – aufgekauft, was internationale Distributionskapazitäten brachte, ohne die handwerkliche Produktion in Seattle zu verändern.

Für Whiskykenner, die glauben, Single Malt sei exklusiv ein schottisches Thema, ist Westland die überzeugendste Antwort: handwerklich präzise, tief in einem regionalen Rohstoff-Ecosystem verwurzelt und klar in der Vision, was amerikanischer Single Malt sein kann und sein sollte.