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Die Craft-Gin-Revolution: Von Sipsmith bis Roku

Gin war Jahrzehnte lang eine Kategorie, die wenige Marken dominierten und in der Innovation kaum stattfand. Das änderte sich schlagartig ab 2009 — ausgelöst von einer kleinen Londoner Destillerie und getragen von einer globalen handwerklichen Bewegung, die bis heute anhält.

Sipsmith: Der Funke in London

Als Fairfax Hall, Sam Galsworthy und Jared Brown 2009 ihre erste Brennlizenz beantragten, war das nicht selbstverständlich. Die britische Gesetzgebung enthielt eine Klausel, die Destillerien mit einem Mindestausstoß von 1800 Litern pro Woche verpflichtete — eine Anforderung, die kleine Handwerksbetriebe de facto ausschloss. Nach einem zweijährigen Genehmigungsstreit erhielt Sipsmith die Lizenz und wurde damit zur ersten neuen Londoner Gin-Destillerie seit über 200 Jahren.

Die 300-Liter-Pot-Still „Prudence" in Hammersmith produziert Sipsmith London Dry Gin mit zehn klassischen Botanicals: Wacholderbeeren aus Toskana und Mazedonien, Koriander, Angelikawurzel, Süßholz, Orris-Wurzel, Bitterorange, Zitronenschale, Kassiaschale, Macisblüten und Schmetterlingspflanzenblüte (Almondine). Das Ergebnis ist wacholderbetont, klassisch, präzise — ein bewusstes Bekenntnis zur London-Dry-Tradition.

Hendrick's: Rose und Gurke aus Schottland

Hendrick's Gin entstand 1999 bei William Grant & Sons in Girvan, Schottland, und brach konsequent mit der Wacholderbetonung der London-Dry-Kategorie. Master Distiller Lesley Gracie nutzt zwei unterschiedliche Stills gleichzeitig: einen Bennett-Pot-Still und einen Carter-Head-Still. Der Bennett erzeugt einen kräftigen Basis-Spirit; der Carter-Head mit seinem Korb für Botanicals produziert einen ätherischen, blumigen Dampf-Extrakt. Beide werden gemischt.

Das Alleinstellungsmerkmal sind die zwei Nicht-Botanical-Zutaten, die nach der Destillation zugesetzt werden: bulgarisches Rosenextrakt und Gurkenessenz. Hendrick's war damit nicht nur ein anderer Gin, sondern ein anderer Gin-Typ — und ebnete einer ganzen Flut von „New Western"-Gins den Weg.

Monkey 47: Der Schwarzwald-Exzentriker

Monkey 47 aus dem Schwarzwald entstand 2008 auf der Basis eines Rezepts, das der britische RAF-Offizier Montgomery Collins angeblich in den 1950er-Jahren in Bad Herrenalb entwickelt hatte. Die heutige Produktion liegt bei der Distillerie Stählemühle in Scheidegg, seit 2016 im Besitz von Pernod Ricard.

Der Name verrät die Philosophie: 47 Botanicals, 47% Alkohol. Unter den Zutaten finden sich regionale Schwarzwälder Kräuter wie Johannisbeere, Preiselbeere und Fichtensprossen neben klassischen Gin-Botanicals und exotischen Zutaten wie Ambrette-Samen und Galangalwurzel. Die Komplexität ist außergewöhnlich — Monkey 47 polarisiert, wer ihn liebt, liebt ihn sehr.

Roku: Die japanische Botanik

Suntory's Roku Gin (2017) trägt seinen Ansatz im Namen: Roku bedeutet auf Japanisch sechs. Sechs japanische Botanicals ergänzen die neun klassischen Gin-Zutaten: Kirschblüte (Sakura-Blüte), Kirschblatt, Yuzu-Schale, Sencha-Teeblätter, Gyokuro-Teeblätter und Sanshō-Pfeffer. Die japanischen Zutaten werden nach Saison geerntet und einzeln destilliert, bevor sie in einem Blend vereint werden.

Das Ergebnis zeigt weniger Wacholder als ein klassischer London Dry, dafür mehr florale Eleganz, leichte Umami-Noten aus dem Tee und eine pfeffrige Wärme vom Sanshō. Roku steht exemplarisch für einen dritten Weg: weder britische Tradition noch europäische Avantgarde, sondern eine eigenständige japanische Gin-Identität.

London Dry vs. Plymouth vs. Old Tom

Die Kategorien sind rechtlich unterschiedlich definiert. London Dry Gin muss seinen Geschmack ausschließlich durch Botanicals während der Destillation entwickeln — keine Aromen oder Süßung nach der Destillation, ausgenommen Wasser und ein minimaler Zuckerzusatz bis 0,1 g/Liter. Er muss nicht aus London stammen; der Begriff ist eine Produktionsbezeichnung.

Plymouth Gin hingegen ist geografisch geschützt: Er darf ausschließlich in Plymouth, Devon, hergestellt werden. Nur eine Destillerie erfüllt diese Bedingung noch — Plymouth Gin Distillery, die 1793 in einem ehemaligen Dominikaner-Kloster gegründet wurde. Plymouth Gin ist weicher als klassischer London Dry, mit mehr Erdigkeit und weniger Wacholderintensität.

Old Tom Gin ist historisch zwischen London Dry und Genever angesiedelt — leicht gesüßt, mit mehr Malt-Charakter. Er verschwand fast vollständig aus den Regalen, wurde aber durch die Cocktail-Renaissance wiederbelebt. Hayman's Old Tom Gin und Ransom Old Tom sind moderne Referenzen.

Navy Strength: 57% für die Reise

Navy Strength Gin trägt traditionell 57 Volumenprozent Alkohol. Die historische Begründung ist praktisch: Britische Marine-Offiziere sollen sichergestellt haben, dass Gin-Vorräte im Schiffslager nicht beim Kontakt mit Schießpulver explodieren — ein Test, der bei 57% als bestanden galt. Moderner Navy-Strength-Gin wie Sipsmith V.J.O.P. (Very Junipery Over Proof) oder Plymouth Navy Strength folgt dieser Tradition und bietet intensivere Botanik durch den höheren Alkoholgehalt als Extraktionshilfe.

Small Batch und Transparenz

Das Versprechen der Craft-Gin-Revolution ist Transparenz: offengelegte Botanicals, kleine Chargen, benannte Stills, bekannte Herkunft der Zutaten. Große Marken antworteten mit eigenen „Craft"-Linien. Die Unterscheidung zwischen echtem Handwerk und Marketing-Craft ist nicht immer trivial, lässt sich aber oft an der Betriebsgröße, den benannten Destillatoren und der Botanical-Komplexität ablesen.

Vom Lesen zum Planen

Von Sipsmith in London bis zu Monkey 47 im Schwarzwald, von Roku in Osaka bis zu den aufstrebenden Gins aus dem Baskenland und Skandinavien — alle hier genannten Destillerien sind auf der interaktiven Karte verzeichnet. Die geographische Streuung der Gin-Revolution zeigt, dass dieser Spirit längst zu einem globalen Phänomen geworden ist.

Gin ist heute eine der dynamischsten Kategorien im Spirits-Markt. Wer die Geschichte von Sipsmith, Hendrick's und Monkey 47 kennt, versteht, warum.